„Den Wolf umarmen“

23. März 1981
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Veranstaltungsort


Hoser's Buchhandlung, Stuttgart

Lesung: Luise Rinser
Sammlung „Hoser's Buchhandlung“: Tonband 49

Weiterführende Informationen

Luise Rinsers Lebensgeschichte, wie sie sie vor allem in ihrer dreiteiligen Autobiographie, deren ersten Teil sie hier liest, entworfen hat, ist in den Jahren nach ihrem Tod einer umfassenden Revision unterzogen und in großen Teilen schlicht als falsch entlarvt worden. Hauptsächlich betroffen ist davon ihre Zeit und Haltung im Dritten Reich. Entgegen ihrer Darstellung war sie Sympathisantin der Nazis, selbst Denunziationsvorwürfe sind laut geworden. Zwar war sie 1944 für eine kurze Zeit in U-Haft, im Ganzen aber durchlief sie die faschistische Diktatur als klassische Opportunistin. Das eigentliche Skandalon liegt in der Selbstmythisierung als Regimegegnerin und Widerständlerin, auf der sie ihr bundesrepublikanisches Autorenbild als unangepasste, linke Katholikin und moralische Instanz aufbaute. In Ihrer Einführung bezeichnet Rinser ihr Buch, ganz dem mythopoetischen Projekt verpflichtet, als Zeitdokument – mit einer kleinen, wenn man möchte autodekonstruktiven Volte am Ende: „Alles, was da drin steht, ist [...] nun wirklich dokumentarisch belegt. [...] Alles, was in diesem Buch gesagt wird, zum Beispiel meine Einstellung zu Hitler, schon 1933, beim Reichstagsbrand und so, das ist alles dokumentarisch belegt und ist eine Seltenheit, dass ein Mensch sein Leben belegen kann [...], wo keiner sagen kann, dass hat sie hineininterpretiert; das ist alles also nackte Tatsache – die Form natürlich ist literarisch, aber das ist etwas anderes.“

Wie erfolgreich die Autorin mit der eigenen Mythenbildung war, zeigt exemplarisch die Charakteristik, die Hans Kühner-Wolfskehl in seiner kurzen Einführung gibt:„Frau Rinser gehört seit der Nazi-Zeit zu den tapfersten Charakteren der deutschen Literatur. Ich habe nur eine einzige Vergleichsmöglichkeit: Ich kann sie nur mit Ricarda Huch und ihrer Haltung im Dritten Reich vergleichen.“

Die Sammlung der Buchhandlung "Hoser" umfasst 85 Tonbänder von Autorenlesungen, die dem Deutschen Literaturarchiv Marbach von der Familie Storz gestiftet wurden. Begonnen 1974, wurden von 1976 bis 1988 die Veranstaltungen mitgeschnitten. Das Programm wirkte stilbildend auf andere Buchhändler und wurde ein wichtiger Teil des Stuttgarter Kulturlebens.  

[Die Lesung im Marbacher Online-Katalog findet sich hier.]

Personen auf dem Podium