Lesung von Elias Canetti

06. Oktober 1978
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Veranstaltungsort


Hoser's Buchhandlung, Stuttgart

Lesung: Elias Canetti

Weiterführende Informationen

„Die gerettete Zunge“ – der gerettete Sprachapparat: Im ersten Teil der Lesung liest Elias Canetti aus seiner Jugendautobiographie und daraus Episoden, die die ersten Begegnungen des Jungen mit unterschiedlichen Facetten der Sprache behandeln. Da sind die kommunikative Grausamkeit des Kindermädchens gegenüber einem Bettler, das Lesen aus Liebe zum Vater und während der Umsiedlung nach Wien – der Vater war zuvor überraschend gestorben – das Erlernen des Deutschen durch die Mutter.
Das Lernen der noch fremden Muttersprache ist hart, Lob existiert nicht, angetrieben wird der achtjährige Canetti von der Angst, von der Mutter nicht verhöhnt zu werden. Doch er spürt, dass er seiner Mutter, wenn sie Deutsch miteinander reden, wieder nahe ist, „wie in jenen Wochen nach dem Tod des Vaters“. Nun erfüllt der Sohn die sprachliche Rolle des früh gestorbenen Ehemanns. In Canettis Erinnerungen bekommt die Muttersprache eine unerwartet ödipale Bedeutung, wird zu einem erotischen Spielfeld. Dort kann die Mutter mit Hilfe des Sohnes ihren gefährdeten und verlorenen Leidenschaften, wie dem Theater und dem verstorbenen Mann, unbewusst wiederbegegnen: „Ich spürte, wie sie zum Vater sprach, wenn sie auf diese Weise ergriffen war und vielleicht wurde ich selbst, ohne es zu ahnen, auf diese Weise zu meinem Vater.“ 
Durch den Beginn des Zweiten Weltkriegs dringt das Politische in die Sprache ein und Elias Canetti erfährt zum ersten Mal den Unterschied zwischen privater und öffentlicher Äußerung, als er 1914 in Wien "God save the queen" singt und nur von seiner Wienerisch sprechenden Mutter aus der kollektiv prügelnden Masse gerettet werden kann. In der Folge spricht der junge Elias auf Deutsch, liest aber auf Englisch. Die Zunge wird abermals, wie in der berühmten frühesten Erinnerung des Buchs, durch ein partielles Schweigen gerettet.

Im zweiten Teil liest Canetti aus „Der Ohrenzeuge“, einer Sammlung von 50 Charakteren, die der Autor als Typenkatolog begreift, der die Weltwahrnehmung eines jeden einzelnen strukturiere. Nur seien die überlieferten Charaktere wie etwa der Geizhals mittlerweile Allgemeinplätze. Daher gelte es, neue Charaktere zu erfinden: „Ich muss sie warnen. Es sind ziemlich bösartige, satirische Stücke.“

Personen auf dem Podium