Literarischer Club

19. März 1997
Literarisches Colloquium Berlin

Gesprächsteilnehmer: Martin Lüdke, Beate Binkerneil, Mathias Schreiber und Gustav Seibt

Weiterführende Information

Erneut haben es die vier Literaturkritiker dieser Radiosendung mit „Edelkitsch“ zu tun - so bezeichnet Gustav Seibt jedenfalls einmal Patricia Dunkers Roman "Die Germanistin". Und erzählt darüberhinaus - gerade weil es in Dunkers Buch um den akademischen Betrieb und den Philosophen Michel Foucault geht - wie 1984 an den westdeutschen Universitäten bei der Nachricht des Todes von Michel Foucault die Kerzen angezündet und fünfzehnminütige Schweigeminuten eingelegt wurden. Bei Graham Swifts Roman „Letzte Runde“ fällt Mathias Schreiber auf, dass die Figuren teilweise in einem „saloppen Kneipendeutsch der 70er Jahre“ sprechen würden. Und ergänzt: „So spricht kein Mensch heute. Auch kein Kneipenmensch.“ Ohnehin, so gibt der Spiegel-Redakteur mehrmals zu verstehen, hält er Swifts Roman für zu kompliziert gebaut. Ulrike Kolbs Buch „Roman ohne Held“ hat eine Vorgeschichte, die in der Runde thematisiert wird. Durch ihre erfolgreiche Teilnahme am Klagenfurter Vorlesewettbewerb war ihr Text mit Vorschusslorbeeren honoriert wurden. Martin Lüdke erläutert, warum er diese „überzogenen Reaktionen“ für symptomatisch hält, was den Literaturbetrieb und das 'Hochschreiben' wie 'Niederschreiben' von Autoren geht. Allen vier gefällt der Roman Kolbs überhaupt nicht. Charles Simics Autobiographie wird als wertvolles literarisches Zeugnis einer Emigrantengeschichte im Lichte kriegerischer Ereignisse gelesen. Interessant auch die Schlussbemerkung, man würde durch Simics Buch mehr von Serbien verstehen als durch Handkes umstrittenen Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“.

Programmtext

Vier Neuerscheinungen im Urteil der Literaturkritik: Charles Simic: Die Fliege in der Suppe, aus dem Amerikanischen von Rudolf von Bitter (Hanser Verlag), Ulrike Kolb: Roman ohne Held (Klett-Cotta), Graham Swift: Letzte Runde, aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk (Hanser Verlag) und Michael Kleeberg: Der Kommunist von Montmartre und andere Geschichten (Kiepenheuer & Witsch). Die Diskussionsteilnehmer: Mathias Schreiber (Der Spiegel, Hamburg), Gustav Seibt (Berliner Zeitung), Martin Lüdke (SWF, Mainz) und die Gesprächsleiterin Beate Pinkerneil (ZDF, Mainz).

 

Anmerkung: Die Gesprächsteilnehmer diskutieren nicht - wie im Programm angekündigt - über "Der Kommunist von Montmartre und andere Geschichten" von Michael Kleeberg sondern über Patricia Dunckers Roman "Die Germanistin".

Personen auf dem Podium