Öffentliche Lesung

23. Januar 2009
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Lesung: Robert Schindel
Moderation: Sylvia Weiler

Weiterführende Informationen

Im Rahmen der Tagung Jean Améry – Literatur zwischen Erinnerung, Politik und Selbstsuche, die vom 22. bis 24. Januar 2009 in Marbach stattfand, liest Robert Schindel zunächst einige Gedichte aus seinem damals aktuellsten Band Mein mausklickendes Saeculum und aus dem erst 2015 erschienenen Band Scharlachnatter sowie anschließend seinen Essay Wuschel. Bemerkungen zur Leidensgeschichte jüdischer Identität

Die Wörter Robert Schindels atmen, dünsten aus, leben. Stark nähern sie sich dem Körper an. Die Gedichte wiederum suchen nach den Verwerfungen, Wunden und Narben in diesen Wortkörpern - suchen dabei aber auch nach der eigenen Schreibgegenwart, die sich allerdings nicht in einer bloßen Zeitgenossenschaft erschöpft. Denn immer wieder taucht Schindel tief in die Geschichte ein, die meist die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts ist, und setzt die eigene Zeit deren Negationsbewegungen aus. So ruft er auf Wikipedia die "Totenliste" auf, um nach dem eigenen Namen zu suchen, betrachtet, während im Pariser Heinehaus über Shoa und Lachen geredet wird, die Jogger im "frühen Mai" oder fährt im Gedicht "Geschichtszauber" nach Weimar, das von Birkenau als möglichem anderen Ankunftsort überschattet wird.

Sprachlich ist immer wieder der starke Einfluss Paul Celans zu spüren, bis zum direkten Zitat, doch verwendet Schindel auch etliche Austriazismen, vor allem aus dem Wienerischen, die eine Traditionslinie zu H. C. Artmann eröffnen. Im Vortrag wird dies umso deutlicher durch die wienerische Sprachmelodie Schindels, die der Lesung eine eigene, teils fast mundartliche Plastizität verleiht.

Im Essay, der auf die Gedichte folgt, nimmt Robert Schindel, Sohn einer Kommunistin, die eigene kindliche Erfahrung jüdischer Identitätszuschreibung zum Ausgangspunkt für eine zwar kurze, jedoch umso dichtere Skizze der "Leidensgeschichte jüdischer Identität": "Wir leben ewig. Gewissermaßen sterben wir alle jüdischen Tode bei lebendigem Leib. Ich meine: wir, die Überlebenden."

"Weggehen" und "Bleiben" sind die Pole, zwischen denen sich die Frage nach der Identität aufspannt, die im Falle des Judentums immer auch eine Frage nach Verfolgung und Vertreibung ist. Ob mit dem Auszug aus Ägypten oder mit der Vertreibung aus Spanien, ob mit der europäischen Assimilation oder dem Zionismus, ob man bleibt bzw. bleiben muss oder geht bzw. gehen muss, scheint die Konstante jüdischer Geschichte zu sein. Letztlich schließt sich daran die je individuelle Frage an, ob und wie man in seiner eigenen jüdischen Identität zu bleiben vermag. Dass aber solche Frage in ihrer Komplexität überhaupt noch gestellt werden kann, dessen bedürfe es des Staates Israel, zu dem sich Schindel am Ende des Essays fast schon lakonisch bekennt, allerdings nicht, ohne die beiden Pole dort synthetisiert zu sehen, denn "dort sind wir hingegangen, um zu bleiben". 

Von den Problematiken jüdischer Identität nimmt das abschließende Gespräch dann seinen Ausgang. Robert Schindel berichtet, wie seine Beziehung zu den Überlebenden und Remigranten in der Wiener Nachkriegszeit eher eine zu Kommunisten jüdischer Herkunft denn eine zu Juden war. Zwar besäßen der jüdische Messianismus und die säkulare Eschatologie des Kommunismus eine Verbindung, doch erst durch die Beschäftigung mit Paul Celan, Primo Levi und letztlich auch mit dem Nahostkonflikt wäre ihm das Judentum als "Schicksalsgemeinschaft" erfahrbar geworden, das sich in seiner langen Tradition auch dann noch im einzelnen fortsetze, wenn die Religiosität fehle.  

Ausführlich beantwortet er die Fragen nach dem eigenen Schreiben, das er als eine Fähre zwischen Vergangenheit und Gegenwart charakterisiert und das ein auf die Shoa Gerichtetes bleibt, auch wenn der Wunsch sich ab und an äußere, etwas zu schreiben, was "nix" mit all dem zu tun habe. Deutlich reflektiert Robert Schindel sein Werk als das eines Überlebenden.

Schließlich spricht er über seine literarischen Väter, die von Celan bis zu Dashiell Hammett reichen.

Personen auf dem Podium