Schiller und die Gabe des Griechenlandes

28. September 2005
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Vortrag: Friedrich Kittler
Moderation: Jan Bürger

Programmtext

Stichwortgeber Schiller

Schiller ohne Ende? Im April wurde im Schillernationalmuseum die Ausstellung Götterpläne & Mäusegeschäfte eröffnet, im Mai erschien die Comic-Novelle Schiller als Marbacher Magazin 110/2005. "Aus dem Kelche dieses Geisterreiches / schäumt ihm seine Unendlichkeit". Diese zwei Schillerzeilen stellt Hegel ans Ende seiner Phänomenlogie des Geistes. In der Vortragsreihe Der Dichter der Denker deuten prominente Denker der Gegenwart - Kurt Flasch, Friedrich Kittler, Manfred Frank, Volker Gerhardt und Sibylle Krämer - den Philosophen Schiller als Stichwortgeber der Moderne.


Friedrich Kittler, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat sich bereits in seinem Essay Dichter-Mutter-Kind von 1991 intensiv mit Schiller auseinander gesetzt. In Marbach fragt der Medientheoretiker nach Schillers Verhältnis zu Griechenland.

Weiterführende Informationen

"Legt man Bücher wie Friedrich Kittlers Aufschreibesysteme oder Grammophon, Film, Typewriter neben Schillers Schriften, so wird einem schlagartig bewusst, wie grundlegend sich unser Denken seit dem Tod des Marbacher Hausheiligen verändert hat", sagt Jan Bürger in seiner Einführung zu Friedrich Kittlers Vortrag. "Es gibt keinen Fortschritt in Kunst, Wissenschaft und Denken über die Griechen hinaus", sagt Friedrich Kittler zu Beginn seines Vortrags, "was es gibt, ist Rekursion, wie das wir Informatiker nennen." Durch die "Erfindung" des ersten Vokalalphabets habe "das Griechenland" das Modell von Dichtung gestiftet, das nun global wirksam sei, schlicht, weil es seit der griechischen Kultur ein Medium gebe, in dem Gesang aufschreibbar sei. Dies sind die Prämissen, unter denen Kittler einen Vortrag hält, der über Homer auf die deutsche Klassik zielt, dort bei Wieland einsetzt, in Schiller gipfelt und mit Hölderlin ausklingt. Die Frage nach Gewalt und Erotik und deren substanzraubende Metaphorisierung seit der römischen Antike steht dabei im Vordergrund. Hermeneutik ist weder Ziel noch Methode, denn:

"Ich finde, es geht um mehr. Wir müssen uns Rechenschaft geben, über das, was heute bleibt, von dem, was gedichtet und geschrieben worden ist."

Geblieben ist nach Kittler eine Trennung von Form und Stoff, somit also eine Trennung von Idee und Sinnlichem, die die Götter zu bloßen Allegorien mit lateinischen Namen zurechtstutzte. Fortan musste göttliche Rede übersetzt statt einfach gehört werden. Dagegen kannte die griechische Antike von Homer neben den körperlich anwesenden Göttern auch die körperlich anwesenden Göttinnen und mit ihnen war der Dualismus von Sinn und Sinnlichkeit noch unbrauchbar.

Personen auf dem Podium