Schillerrede 2012: The Naive, the Sentimental, and the Innocent Novelist

04. November 2012
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Rede: Orhan Pamuk
Begrüßung: Ulrich Raulff

Programmtext

„Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.“ Orhan Pamuk, 2006 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, hält 2012 die Marbacher Schillerrede. Zuvor (15 Uhr [hier nachzuhören]) sprechen die Übersetzer Joachim Sartorius und Sezer Duru, beide prominente Vertreter der internationalen Vermittlung zeitgenössischer Literatur, mit Antje Contius.

Weiterführende Informationen

Zu Beginn seiner Rede, die im „Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft“ veröffentlicht wurde, wendet sich Orhan Pamuk auf Türkisch an seine in Deutschland lebenden Landsleute und erklärt, warum er nicht in seiner Muttersprache, sondern im „international jargon of criticism“, eben dem Englischen, spricht. Darauf folgt eine Ergründung dessen, was beim Romanlesen in den Lesern vorgeht – „what takes place in our mind, in our soul, when we read a novel?“ Was also unterscheidet den Roman von allen anderen literarischen Formen, was von Film und Bild als den anderen großen narrativen Medien? Orhan Pamuk versucht diese Frage zunächst persönlich zu beantworten, indem er auf die eigenen Leseerfahrungen seiner Jugend zurückblickt. Seine Zentralmetapher ist dabei die der Landschaft. Wie bei der Landschaftsbetrachtung entwerfe sich der Leser losgelöst von der Wortstruktur eine Romanlandschaft, die sich sowohl aus den Beschreibungen als auch den Gedanken der Figuren etc. zusammensetze und zwischen denen der Verstand in harter Arbeit hin- und herspringe. Der Leser beim Lesen, wie auch der Autor beim Schreiben eines Romans, bedient also gleichsam eine Maschine aus Wörtern, dem Autofahren vergleichbar. Es ist aber der Autor, der die Kunst verstehen sollte, die Technik der ‚Schreibmaschine‘, die er bedient und eine naive Akzeptanz der vermeintlichen Natürlichkeit und Gegebenheit all solcher Mittel in sich zu vereinen.
Anhand von Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“, die ihn seit seiner Jugend begleitet habe, entwirft Pamuk in der Folge sein eigenes Verständnis von der Kunst des Romans, das er in neun Punkte dessen auffächert, was beim Lesen eines Romans im Kopf stattfindet. „The value of a novel, for me, lies in its power to provoke a search for a meaning which we can naively project upon the world.“
Am Ende geht Pamuk auf den Zusammenhang von Museum und Roman ein, verbindet das Einrichten eines Museums mit dem Einrichten der fiktiven Räume des Erzählens.

Personen auf dem Podium