Sezer Duru und Joachim Sartorius diskutieren zum Thema „Internationale Literaturvermittlung“

04. November 2012
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Gespräch: Sezer Duru und Joachim Sartorius
Moderation: Antje Contius

Programmtext

„Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.“ Orhan Pamuk, 2006 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, hält 2012 die Marbacher Schillerrede [hier nachzuhören]. Zuvor (15 Uhr) sprechen die Übersetzer Joachim Sartorius und Sezer Duru, beide prominente Vertreter der internationalen Vermittlung zeitgenössischer Literatur, mit Antje Contius.

Weiterführende Informationen

Schon mit Antje Contius' Einführung etabliert sich der besondere Ton dieses Gesprächs, der von Humor, Anekdotenlust und freundschaftlicher Leichtigkeit getragen ist. Sezer Duru, die wohl wie kaum eine andere deutschsprachige Literatur in der Türkei vermittelt hat, erzählt von ihrem Weg zur Übersetzerin aus dem Deutschen, erzählt, wie der Entschluss ihres Vaters, seinen Kindern eine deutsche Erziehung zukommen zu lassen, aus der Konfrontation mit dem Pünktlichkeitssinn des nach Istanbul emigrierten jüdischen Juristen Ernst Eduard Hirsch resultierte. 
Der Weg Sezer Durus zur deutschen Sprache ist also von den politischen und zeithistorischen Umständen kaum zu lösen. Eine ihrer ersten Übersetzungen eines Textes von Hans Magnus Enzensberger, des Stückes „Das Verhör von Habana“, entfaltet dieser Logik gehorchend dann auch umgehend politische Wirkung, indem es von der revolutionären Studentenbewegung in Istanbul begeistert aufgenommen wird und Sezer Duru schließlich ein Treffen mit Ortega, einem kubanischen Gesandten, der selbst in dem Stück vorkommt, einbringt. Die Studentenbewegung allerdings wird 1971 blutig durch einen Militärputsch in der Türkei beendet. Der Humor, mit dem Sezer Duru berichtet, zeigt sich hier als ein erkämpfter, der sich gegen die politische Realität behaupten muss.
Das Gespräch wird daraufhin literarischer, Sezer Duru beschreibt ihr Verhältnis zu Thomas Bernhard, von dem sie zwar viel übersetzt, ihn gleichwohl aber nie kennengelernt hat. Aufgrund ihrer Liebe zu seiner Literatur äußert sie großes Bedauern darüber und zeigt sich dankbar für eine Formulierung Claus Peymanns, sie sei Bernhards zweite Witwe (die erste sei Peymann selber).  Über Franz Kafka, dessen Biographie von Reiner Stach sie zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade übersetzte, kommen Joachim Sartorius und Sezer Duru auf den Einfluss und die Leserschaft zu sprechen, die die deutsche Literatur in der Türkei hat und es ist wenig überraschend Kafka, der dort am wirkmächtigsten war und ist. Sezer Duru geht so weit, zu sagen, es habe eine türkische Literatur vor und nach Kafka gegeben. Mit der Frage nach dem umgekehrten Transfer von der Türkei nach Deutschland und Sezer Durus abermals humorvoll geäußerter Klage, dass das Interesse von Seiten der Verlage quasi nicht existent sei, öffnet sich das Gespräch dem Publikum.

Personen auf dem Podium