Unterhaltungen deutscher Eingewanderten

18. Januar 2017
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Gespräch mit Marica Bodrožić und Deniz Utlu
Moderation: Jan Bürger und Florian Höllerer

Programmtext

Gibt es in der Literatur von Migranten überhaupt eine Vorstellung von ‚Muttersprache‘ und ‚Heimat‘? Marica Bodrožić und Deniz Utlu haben für den virtuellen Ausstellungsraum des digitalen Tonarchivs Dichterlesen.net die Archive des Literarischen Colloquiums Berlin und des Deutschen Literaturarchivs Marbach gesichtet.

Weiterführende Informationen

Der zweite virtuelle Ausstellungsraum auf Dichterlesen.net (nach „Literatur der Mauerrisse“) trägt den Titel „Unterhaltungen deutscher Eingewanderten“ – in Anlehnung an Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ (1795). Die beiden in Berlin lebenden Autoren Marica Bodrožić und Deniz Utlu haben sich mit dem Themenfeld Migration und Mehrsprachigkeit auseinandergesetzt und jeweils einen eigenen Onlineparcours mit Bild-, Ton- und Textexponaten kreiert. Der neue Hörraum „Unterhaltungen deutscher Eingewanderten“ ergänzt wiederum das digitale Tonarchiv auf Dichterlesen.net und wurde an diesem Abend anhand von Beispielen und im Gespräch der Kuratoren mit den Moderatoren Jan Bürger (DLA) und Florian Höllerer (LCB) im Deutschen Literaturarchiv Marbach präsentiert. 

„Niemand bekommt seine Muttersprache in die Wiege gelegt. Sie muss entworfen werden; wir entwerfen sie, indem wir uns selbst in die Welt werfen. Diese entworfene Muttersprache ist der Boden aller Sprachen, die wir lernen. Aller Verse, die wir schreiben. Von hier ist jede Reise möglich“, so Deniz Utlu in seinem Vorwort. Er verweist in seinem audiovisuellen Onlineparcours mit dem Titel „Die Sprache des Archivs“ insbesondere auf die „Leerstellen“ des literarischen Archivs der Migration und behauptet, dass die sogenannte „Migrationsliteratur“ nicht existiere, da sich keine literarische Strömung einzig über die Herkunft der Schriftsteller definieren lasse. Während seiner Recherche für den Hörraum sei ihm aufgefallen, dass ein Kapitel der „Migrationsliteratur“ gefehlt habe: das der sogenannten „Gastarbeitergeneration“, deren bekanntester Vertreter der Autor Aras Ören sei. Eine ganze Reihe von Gastarbeitern in der Bundesrepublik Deutschland habe in den 70er und 80er Jahren Lyrik verfasst, die in Eigenverlagen veröffentlicht wurde. Die Gastarbeiter hätten die Gedichte auf Türkisch oder auf Deutsch oder in einer Mischung beider Sprachen geschrieben. Und man erzähle sich, so Deniz Utlu, dass diese „polyglotten Lyrikbände“ im Urlaub in der Türkei, auf dem Campingplatz, verkauft wurden. Obwohl er zu diesem für ihn wichtigen Teil der Literaturgeschichte nichts in den Archiven des DLA und LCB gefunden hatte, räumte er ihm einen prominenten Platz im Hörraum ein, und zwar mit dem Video eines Lese-Flashmobs, den er 2011 im Rahmen eines Festivals organisiert hatte. Damals jährte sich das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei zum 50. Mal, was z. B. im Ballhaus Naunynstraße gefeiert wurde. Deniz Utlu wählte für den Flashmob drei AutorInnen aus – Aras Ören, Emine Sevgi Özdamar und Selim Özdogan –, aus deren Werken gelesen wurde.

Im Vorwort von Marica Bodrožić heißt es: „Zwischen poetischer Anrufung und der Kälte der Zeitgenossenschaft liegen nicht nur viele Denkstationen und Versehen / Verstehen der Sprache, sondern auch ganze Buchstabenbiographien polyglotter Wörtermenschen. Aus ihren Texten und Lebenserfahrungen lässt sich eine weitverzweigte Weltlandkarte zeichnen. Die Arbeitsweise mit verknüpften Sinnen ist oft genug alchemistisch, auf die Synthese ausgerichtet. Eine Sprache ohne Verschmelzungen und Verwandlungen ist nicht vorstellbar. Das einzelne Leben, die einzelne Biographie ist immer mit dem Imaginären verbunden, das Imaginäre ist immer ein bisschen autobiographisch.“
Marica Bodrožić erzählt, dass sie als kleines Kind in einer Zeit groß geworden sei, in der es keinen Fernseher, kein fließend Wasser und kein Telefon gab, aber ein Radio. Und diese Stimmen aus dem Radio hätten ein „wirklich magisches Imaginarium“ in ihrem Kopf hergestellt. Sie habe im Laufe ihres Lebens eine unglaubliche Faszination für die menschliche Stimme und für die Wahrheit oder die Farbe, die in ihr stecke, entwickelt. Marica Bodrožić macht u. a. anhand einer Lesung Ruth Klügers aus „weiter leben“ deutlich, dass es in der Sprache immer auch „kleine Versehen“ gebe, die aber so etwas wie ein Verstehen einleiten würden, und dass ein Stolpern in der Sprache eigentlich der Moment der Wahrheit sei – wenn man Wahrheit als eine Öffnung zu etwas hin sehe, das man noch nicht kenne und das dieses Stolpern offenbare: „Wir schreiben ja alle nicht, weil wir etwas wissen, sondern weil wir es nicht wissen, und diese andere Seite wird in den Stimmen sichtbar.“ Der Titel ihres audiovisuellen Onlineparcours lautet: „Die Unendlichkeit der Sprache. Aus-, Ein- und Rückwanderungen“. Deniz Utlu hat sich in seinem Parcours beispielsweise mit dem „Rückkehrer“ Stephan Hermlin beschäftigt; Marica Bodrožić hat sich hingegen vor allem mit der „Sprachbiographie“ von Georges-Arthur Goldschmidt auseinandergesetzt. Sie verdeutlicht, dass die literarische Sprache, zumal das autobiographische Erzählen, diese ganzen Reibungen und Schichten dazwischen zum Vorschein bringe, denen man nicht entkommen könne, wenn man eine solche Geschichte wie Georges-Arthur Goldschmidt oder Ruth Klüger habe. Verbunden mit diesen „Echoräumen“ sei eine „unglaublich intensive Weltwahrnehmung“. In der Station „Synästhesie“ ihres Onlineparcours thematisiert Marica Bodrožić die Verknüpfung verschiedener Sinne, die zeitgleich etwas aktivieren und zur Sprache bringen. Bei Elias Canetti öffnet sich beispielsweise mit der Farbe Rot ein ganzes Werk (siehe das erste Kapitel in „Die gerettete Zunge“). Die synästhetische Dimension bei Yoko Tawada habe geradezu etwas Fröhliches und auch Schelmisches. Sie spiele mit dem Rhythmus der Sprache, mit dem tanzenden Klang. Auch Oskar Pastior baue mit den Sinnen, er baue mit der Akustik die Sinne und gebe über die Alchemie dieses Vorgangs Auskunft.

Deniz Utlu stellt abschließend die Station „Das postkoloniale Deutschland“ in seinem Onlineparcours vor. Die darin angeführte Autorin May Ayim, die der Geschichte von Afrodeutschen nachging, habe das Mündliche zu ihrer Form gemacht.

„Die Stimme ist nicht druckbar“, so Florian Höllerer. Man könne eine Literaturgeschichte der Lesung schreiben. Die für den Hörraum „Unterhaltungen deutscher Eingewanderten“ von Marica Bodrožić und Deniz Utlu ausgewählten Tondokumente belegen dies auf eindrückliche Weise.

Personen auf dem Podium