Brüder, die nicht weichen

07. Februar 2001
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Veranstaltungsort


Goethe-Institut Amsterdam

Lesung: Anne Dorn und Thomas Lehr
Moderation: Elrud Ibsch
Sammlung „Goethe-Institut Amsterdam“: Tonkassetten 31 u. 32
 

Programmtext

Anne Dorn ist im November 2000 75 Jahre alt geworden. Sie war noch keine zwanzig, als vor ihren Augen Dresden in einem Feuermeer aufging und ihr jüngerer Bruder, damals noch ein Kind, zur Front musste. Sie hat als Autorin von Hörspielen zahlreiche Themen in ihrem Repertoire aufgenommen und ergattert nun auch positive Stimmen als Buchautorin, jedoch lassen sie die letzten Monate des Krieges nicht los. Sie hat dieses Thema in ihrem Roman „Hüben und Drüben“ und in „Geschichten aus tausendundzwei Jahren“ behandelt und arbeitet nun an einem neuen Roman, worin sie den Spuren ihres seit dem Krieg vermissten Bruders folgt. Sie sucht in Ost-Deutschland und in Polen, sucht Beweisstücke und spricht mit den letzten Überlebenden. In Amsterdam wird sie aus ihrem Roman lesen und über das Schreiben des Textes erzählen.

Thomas Lehr, 1957 geboren, hat mit seinen Romanen Zweiwasser, Die Erhöhung und Nabokovs Katze in den letzten Jahre bewiesen, dass er über ein auffallendes Erzähltalent verfügt, womit er großen Erfolg sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum hat. Seine Themen waren unter anderem der literarische Betrieb und die erotische Leidenschaft. Darum ist es umso überraschender, dass er sich in seiner soeben beendeten Novelle „Frühling“, die im Frühjahr erscheinen soll, in das Trauma zweier Söhne eines Kriegstäters vertieft. Warum gerade dieses Thema? Auch Lehr wird aus seinem Text vorlesen und über dessen Entstehung erzählen. 

Elrud Ibsch, die sich in die Masse der Publikationen des Kriegstraumas innerhalb der Literatur vertieft hat, wird anschließend ein Gespräch mit den zwei Autoren führen.

[Übersetzung aus dem Niederländischen]

Weiterführende Informationen

Nach einer ausführlichen Einführung durch Elrud Ibsch in das Thema der deutschen literarischen Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg sowohl der Kriegs- als auch der Nachkriegsgeneration liest Anne Dorn zunächst aus ihrem Roman der Suche der Protagonistin nach ihrem in Polen vermissten Bruder. Thomas Lehr aus seiner Novelle, die die letzten 39 Sekunden im Leben von Christian, dem Sohn eines mutmaßlichen SS-Arztes, der zusammen mit einer polnischen Prostituirten, die unheilbar an Krebs erkrankt ist, Suizid begangen hat. Im anschließenden Gespräch werden die stilistischen Unterschiede zwischen beiden Werken besprochen. Anne Dorn beschreibt, inwiefern ihre eigene Suche nach ihrem Bruder in den Roman eingeflossen ist. Thomas Lehr erläutert seine poetologischen Prämissen, beide versuchen, die Frage Elrud Ibsch zu beantworten, ob und inwiefern sie sich als nichtjüdische Autoren jüdischen Figuren widmen.

Die Sammlung des Goethe-Instituts Amsterdam umfasst 217 Tonkassetten mit Autorenlesungen, Vorträge, Konferenzen und Performances. Sie wurde dem Deutschen Literaturarchiv Marbach vom Goethe-Institut in Amsterdam gestiftet. Die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1989, die späteste aus dem Jahr 2006.

[Die Lesung im Marbacher Online-Katalog findet sich hier.]

Personen auf dem Podium