Deutschland ohne Juden

13. Februar 1990
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Veranstaltungsort


Goethe-Institut Amsterdam

Vortrag: Bernt Engelmann
Sammlung „Goethe-Institut Amsterdam“: Tonkassette 159 

Programmtext

Vor zwanzig Jahren veröffentlichte Bernt Engelmann erstmals seine provozierende und zum Nachdenken anregende Analyse der Folgen des Holocaust für die Deutschen selbst. Inzwischen ist eine völlig überarbeitete Neufassung dieser bestürzenden Schadensbilanz erschienen. Sie zeigt, welch unersetzlichen Substanzverluste Deutschlands wissenschaftliche, technische und künstlerische Intelligenz aufgrund der Vertreibung und der Vernichtung der Juden erlitt und wie weit dadurch die Basis des kulturellen Selbstverständnisses der Nation zerstört wurde. Diese Lücken werden sich nie mehr schließen. 

Engelmann, 1921 in Berlin geboren, ab 1938 Luftwaffensoldat, bei Kriegsende als Mitglied einer Widerstandsgruppe in Gestapohaft, hat seither als engagierter Journalist, als kritischer Erfolgsautor und als kontroverser Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller immer wieder eindrucksvoll demonstriert, welchen Spielraum und welche Wirkung „operative“ Literatur im gesellschaftlichen und politischen Raum entfalten kann. Sein Lese- und Gesprächsabend in Amsterdam ist Abschluss einer niederländischen Hochschultournee auf Einladung der Stichting Cultuur & Kommunikation.

Weiterführende Informationen

Bernt Engelmann gibt zunächst einen historischen Abriss der Geschichte der Juden im deutschen Sprachgebiet seit der Antike, um die lange Entwicklung jüdischen Lebens zu verdeutlichen, die von den Nationalsozialisten vernichtet wurde. Engelmanns These ist dann auch die des Kahlschlags nach 45, wobei er wenig auf die jüdische Remigration eingeht und seine zentrale Fragestellung ist, was sich die Deutschen mit ihrer antisemitischen und eliminatorischen Politik selbst angetan hätten. Dabei geht er noch von der Struktur jüdischen Lebens in der BRD vor 1989 aus, die große Zuwanderung von Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken hat er natürlich noch nicht im Blick. Das anschließende Gespräch beschäftigt sich dann vor allem mit der Frage nach dem deutschen Umgang mit der eigenen Vergangenheit in der BRD und der DDR.

Die Sammlung des Goethe-Instituts Amsterdam umfasst 217 Tonkassetten mit Autorenlesungen, Vorträgen, Konferenzen und Performances. Sie wurde dem Deutschen Literaturarchiv Marbach vom Goethe-Institut in Amsterdam gestiftet. Die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1989, die späteste aus dem Jahr 2006.

[Die Lesung im Marbacher Online-Katalog findet sich hier.]

Personen auf dem Podium