Reinhard Jirgl leest uit zijn roman „Die Unvollendeten“

04. Februar 2005
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Veranstaltungsort


Goethe-Institut Amsterdam

Lesung: Reinhard Jirgl
Moderation: Alexander von Bormann
Sammlung „Goethe-Institut Amsterdam“: Tonkassette 47

Programmtext

In diesem Roman thematisiert der Autor das Schicksal der Sudetendeutschen nach 1945. Vier Frauen, drei Generationen und eine Familiengeschichte, die auch Jirgls eigene ist. Er erzählt über ein Leben ohne falsches Gefühl, ohne Groll. Ein Leben voller Angst und Misstrauen gegenüber der neuen Wirklichkeit, die sich DDR nennt und die für die Familie, vertrieben aus dem Sudetenland, ein Provisorium ist. 

Jirgl wurde 1953 in Ost-Berlin geboren, wo er bis 1964 von seinen Großeltern erzogen wurde. Während seines Ingenieurstudiums an der Humboldt Universität begann er zu schreiben. Trotz der Unterstützung von unter anderen Heiner Müller war bis zum Fall der Mauer kein Verlag dazu bereit, sein Werk zu publizieren, sodass seine Manuskripte zunächst in der Schublade blieben. Kritiker bezeichnen sein Werk aufgrund der Sprache und der Orthographie als eigensinnig, experimentell und kompromisslos und nennen es die „radikalste Tabula Rasa der DDR-Literatur.“ Für sein Werk erhielt der unter anderem den Alfred-Döblin-Preis und den Preis der Schillerstiftung.

[Übersetzung aus dem Niederländischen]

Weiterführende Informationen

Reinhard Jirgl liest ein von ihm so genanntes „Potpourri“ aus denjenigen Szenen seines Romans, die in Jahren 1945 bis 1947 spielen, also unmittelbar die Vertreibung aus der Tschechoslowakei betreffen. Im Anschluss berichtet Reinhard Jirgl, dass er bei Erzählungen innerhalb seiner Familie bei Erzählungen oft ein Tonbandgerät auf den Tisch gestellt und somit sukzessive ein Archiv der erzählten Erfahrungen angelegt habe. Das Gespräch zwischen Alexander von Bormann und Reinhard Jirgl widmet sich ausführlich und kontrovers der Frage nach den sowohl politischen als auch literarischen Konsequenzen, die sich aus der Konzentration auf die deutsche Erfahrung der Vertreibung ergeben. Während Reinhard Jirgl mit Foucault versucht, diskurs- und machtanalytisch bestimmte erinnerungspolitische Tabuisierungen aufzubrechen, vertritt Alexander von Bormann den Standpunkt der Notwendigkeit einer abwägenden Erinnerungspolitik, die die Verhältnismäßigkeit des Leids betont.

Die Sammlung des Goethe-Instituts Amsterdam umfasst 217 Tonkassetten mit Autorenlesungen, Vorträgen, Konferenzen und Performances. Sie wurde dem Deutschen Literaturarchiv Marbach vom Goethe-Institut in Amsterdam gestiftet. Die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1989, die späteste aus dem Jahr 2006.

[Die Lesung im Marbacher Online-Katalog findet sich hier.]

Personen auf dem Podium