Schillerrede 2010: Poetische Würde – Was soll das denn?

06. November 2010
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Rede: Brigitte Kronauer
Begrüßung: Ulrich Raulff

Weiterführende Informationen

In seiner Einführung weist Ulrich Raulff darauf hin, dass mit Brigitte Kronauer die erste Schriftstellerin die Marbacher Schillerrede hält. Konkret bezogen auf das Werk Brigitte Kronauers spricht Ulrich Raulff über den eigenen Ton der "Kronauer-Titel", der es verdient hätte, Gegenstand einer eigenen poetologischen Untersuchung zu werden. Die Schillerrede selbst sei zwar nach Schiller benannt, aber es habe nie ein Zwang bestanden, dass sie sich auf Schiller direkt beziehe. Dennoch hätten alle Redner bisher über Schiller geredet.
Auch Brigitte Kronauer widmet sich in ihrer Rede dem Klassiker. In Hoffnung auf dessen "Wohlwollen", wie es die Autorin ausdrückt, unternimmt sie einen Rekonstruktionsversuch der eigenen poetologischen Vorstellungen, der notwendigerweise deren Entwicklung miteinschließt und also auch persönliche Erinnerung ist. Eine der frühesten ist das Hören von Schillers Balladen, vorgetragen von einem "matrosenähnlichen Mann" auf dem elterlichen Sofa. Aufgewühlt von der "Schillerschen Folterdramaturgie" fordert das Kind Brigitte Kronauer jenen immer wieder zum Weiterlesen auf. Eine erste Erfahrung der "Wirklichkeitsgewalt durch Sprache", von der aus Brigitte Kronauer das Verhältnis von Wirklichkeit und Sprache befragt. Gerade Schillers antithetische Sprache, seine Fähigkeit zur "Raumvermessung in federnden Sprüngen vom einen zum anderen Ufer" wurde prägend für die Autorin. Daraus leitet sie, Albert Paris Gütersloh zitierend, eine "Fähigkeit zur Ambivalenz", "ein Denken in Gleichzeitigkeit" ab, die sie beide in ihrem Schreiben anstrebe. Die Frage nach der Form ergibt sich zwingend aus diesen Überlegungen, ambivalent bleibt auch diese zwischen den formsprengenden Kräften der europäischen Avantgarde und dem Drang, "naiv" zu erzählen. "Einerseits-Andererseits" erhebt Kronauer zu ihrem Formprinzip und auch zum Prinzip der poetischen Würde, jenseits des "Pragmatismus des Alltags" und des "Entweder-Oder" der Ideologien.

Personen auf dem Podium