Studio LCB mit Marcel Beyer

04. Februar 2008
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Marcel Beyer
Gesprächspartner: Martin Ebel und Sabine Vogel
Moderation: Hubert Winkels

Programmtext

Mit »großen Romanen« läßt sich Marcel Beyer jeweils viel Zeit. Deshalb darf man gespannt sein, welcher Art nach "Spione"(2000) sein neuer Roman "Kaltenburg" (Suhrkamp) ist. Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des "Dritten Reichs" flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Wie erleben die beiden Wissenschaftler, der angehende und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden? Welche Wendungen nehmen die Lebensläufe der beiden in den unterschiedlichen Stadien und das Ende der DDR? Erneut verwebt Marcel Beyer Persönliches und Geschichtliches derart, dass wir ein zeithistorisches Panorama als intime Geschichte lesen können.

 

Weiterführende Informationen

Warum zieht ein Schriftsteller, der im Westen aufgewachsen ist, kurz nach der Wende gerade nach Dresden? Mit dieser Frage beginnt Hubert Winkels die Sendung. Marcel Beyer erzählt daraufhin, dass die ehemalige DDR ihm vorgekommen sei wie etwas vollkommen anderes und neues - deshalb habe er dort hinziehen müssen. Welche Rolle spielt Dresden überhaupt in der Literatur, will Hubert Winkels schließlich wissen, was die Diskutanten rasch dazu bringt, über die Diskurse in den Achtziger Jahren zu reden. Wie sah im Westen die literarische Avantgarde aus, zu der ja Marcel Beyer gehörte? Viele hätten ihn nämlich - so führt Winkels aus - zu der Zeit gar nicht als Autor wahrgenommen, sondern eher als Verfasser von Musikkritiken der "Spex", die ja als führendes Medium einer Gegen-Kultur galt. Je länger die Aufnahme andauert, desto stärker geraten der künstlerische Werdegang Marcel Beyers und sein bisheriges Werk in den Mittelpunkt des Gesprächs. Warum war der Roman "Flughunde", 1995 publiziert, ein so wichtiger literarischer Text? Warum ekelte sich die Literaturkritikerin der "Berliner Zeitung" Sabine Vogel vor Bayers Romanerstling "Menschenfleisch"? Und der in Zürich lebende Kritiker Martin Ebel erklärt, warum das neue Buch "Kaltenburg" im Vergleich zu früheren Publikationen Beyers leichter lesbar sei; und erläutert ausführlich, welche Parallelen es zwischen der Hauptfigur und dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz gäbe. So umkreisen die Teilnehmer immer enger das Thema des neuen Romans - und man beschäftigt sich mit den Verstrickungen eines begabten Naturwissenschaftlers zum nationalsozialistischen Unrechtsregime.

Personen auf dem Podium