Studio LCB mit Milo Dor

19. Juli 2004
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Milo Dor
Gesprächspartner: Herbert Ohrlinger und Thomas Rothschild
Moderation: Maike Albath

Programmtext

Milo Dor, als Sohn eines serbischen Arztes 1923 in Budapest geboren, hat viele Stimmen. Sein Werk umfaßt Romane, politische Essays, Erinnerungen, Reiseberichte, Übersetzungen, Krimis, Hörspiele und Fernsehspiele. Der umtriebige Schriftsteller, der im Banat aufwuchs und in Belgrad zur Schule ging, ist seit den vierziger Jahren in Wien zu Hause und steht in der Tradition eines kämpferischen Humanismus. Als Spurensicherer des untergegangenen Mitteleuropas und Kenner der Sprachen und Literaturen Ex-Jugoslawiens nimmt Dor auch politisch immer wieder Stellung. In seinem autobiographisch gefärbten, dokumentarischen Roman "Tote auf Urlaub" (1952) protokolliert Milo Dor auf nüchterne Weise den Werdegang des Widerstandskämpfers Mladen Raikow in Belgrad, der verhaftet und gefoltert wird. Auf das Straflager folgt die Deportation nach Wien, wo er das Kriegsende in den Gefängnissen der Gestapo erlebt. Großes Echo fand Milo Dor 1951 mit einer Lesung aus seinem Manuskript auf einem Treffen der Gruppe 47. Als unbestechlicher Beobachter trat Dor während des Balkankrieges hervor: "Leb wohl, Jugoslawien" (1993) hieß eines seiner erfolgreichsten Bücher mit Analysen zur Entstehung des Hasses und der Konflikte. Die Wechselfälle seiner eigenen Lebensgeschichte hält er in den autobiographischen Schriften "Auf dem falschen Dampfer" (1988) und "Grenzüberschreitungen" (2003) fest. Milo Dor wird aus seinen Büchern lesen und mit dem Programmleiter des Zsolnay Verlages Herbert Ohrlinger und dem Publizisten Thomas Rothschild diskutieren.

 

Weiterführende Informationen

Das Leben des Literaten und Schrifstellers Milo Dor in knapp zwei Stunden: Das ist - etwas verkürzt wiedergegeben - das Thema der Sendung: Warum bleibt ein Serbe in der Nachkriegszeit gerade in Wien? Warum schreibt er schließlich sein Werk auf Deutsch? Wie war das mit dem Belgrader Kommunisten zu Beginn der 50er Jahre? Warum tranken Dor und seine Freunde im März 1953 zwei Tage lang ausgiebig Sekt? Warum wurde die Gruppe 47 gerade Dors literarische Heimat? Rothschild berichtet beispielsweise, dass Milo Dor zum öffentlichen Literatenleben in Wien gehörte, jedoch eher als Vermittler denn als Autor wahrgenommen wurde. Die vielen Übersetzungen deuten ebenfalls auf diese schiefe Wahrnehmung hin. Ebenso verweist die Publikations- und Rezensiongeschichte seiner Romane, die er in den 50er Jahren publizierte, auf eine geringe Beachtung. Kamen diese Romane, die die gewaltigen gesellschaftlichen Brüche im südslawischen Raum thematisierten, etwa zu früh? Warum bezeichnet Milo Dor seine Zeitgenossen "als verheizte Generation der Revolutionäre"? Und warum ist Österreich - literarisch gesehen - eine deutsche Kolonie?

Personen auf dem Podium