Zwiesprache: Murfla und die Blocksbärte. Dagmara Kraus über Miron Białoszewski

15. Dezember 2021
Stiftung Lyrik Kabinett

Die deutschsprachige Gegenwartslyrik empfängt wichtige Impulse aus einer lebendigen Auseinandersetzung mit den Dichtern der internationalen Tradition. Die Reihe „Zwiesprachen“ fragt: Wer wird gelesen? Wer begeistert?
Eine Reihe des Lyrik Kabinetts, München.



Programmtext

„Nirgends wirkt Sprachkunst exotischer, zugleich anregender auf mich als im Werk von Miron Białoszewski. Der ausgewiesene Sonderling der polnischen Nachkriegsliteratur und Guru einer ganzen Generation linguistisch orientierter Dichter betritt die schmale Buchstabenbühne gern in Gestalt vielfältiger Verwandlungen. Dabei verwortspielt er nicht selten die eigene namentliche Existenz. Mal stellt er sich als verkappter Märtyrer der Poesie dar, um als monosyllabisches Phantom seiner selbst und bis zur Wortsinnlosigkeit zerkasteiter „yeń“ sogleich wieder abzutreten, ein andermal entlarvt er sich – im Rausch adjektivisch besuffixt – als „Białoszewskiger“ dem die Kontrolle über sich und schier alle Ähnlichkeit mit ihm selbst zu entgleiten droht. Gleichwohl kommt dem ins Weichseljenseits verzogenen „Korridorianer“ („korytarzowiec“) niemals die Sprache abhanden, dies umtriebige Wundertier und seherische „Ausflugswesen“ („stworzenie wylotu“), das er aussendet, die „schienene Endlosigkeit“ („niekończyn szyn“) von Versen zu erkunden.“ So Dagmara Kraus über den polnischen Dichter, den sie ins Deutsche übersetzt und mit dem sie eine sprachübergreifende Zwiesprache hält. Der Text ihres Vortrags erscheint 2022 im Wunderhorn Verlag.

Geboren 1981 in Wrocław, Polen, studierte Kraus Komparatistik, Kunstgeschichte in Leipzig, Berlin und Paris und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und lebt heute als Autorin und Übersetzerin in Hildesheim, wo sie derzeit die Juniorprofessur für Literarische Prozesse der Gegenwart innehat. Ihre ersten Übersetzungen von Miron Białoszewski erschienen schon zeitgleich mit ihrem lyrischen Debüt kummerang (kookbooks 2012). Zuletzt erschienen von ihr liedvoll, deutschyzno (kookbooks 2020) und ihre Übersetzung von Gedichten Białoszewskis in dem Band M'ironien (roughbooks 2021). Für ihr Werk wurde Dagmara Kraus vielfach ausgezeichnet, etwa 2021 mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung und dem Lyrikpreis Meran (2021). Im Lyrik Kabinett war sie schon mehrfach zu Gast, u.a. in Rahmen einer Reihe zu ‚100 Jahre Dada‘ oder bei den Lyrik-Empfehlungen.

Personen auf dem Podium