Lob der Autofiktion

Sammlung

5 Veranstaltungen # Daniela Dröscher

Das Literarische Colloquium Berlin hat die Autorin Daniela Dröscher eingeladen, das Genre der Autofiktion zu betrachten. Dröschers Beitrag legt die intime Verbindung zwischen Autor·in und Leser·in dar und zeigt, wie Autofiktion einerseits Authentizität hinterfragen und andererseits zur Selbstaufklärung beitragen kann. Er zeigt das Schreiben von Autofiktion als mutigen und radikalen Akt und ergänzt den literarischen Diskurs durch Reflexion über die transformative Kraft des autofiktionalen Ichs.

Kaum eine Gattung vermag so konträre Reaktionen hervorzurufen wie die Autofiktion – “the blending of the real & the invented“. Häufig gibt es in den Texten jemanden, der „ich“ sagt, und auch ich will mich in meinem Lob der Autofiktion auf das Erzählen in der ersten Person konzentrieren.

Ich gebe zu: Ich habe ein ausgesprochen inniges Verhältnis zu dieser Perspektive. Durch die Möglichkeit, „ich“ sagen zu können, bin ich überhaupt erst Autorin geworden. Es war das kunstvoll geformte und zugleich sehr leichtfüßige „Ich“ in Yoko Tawadas phantastischem Kurzroman Das Bad, das mich zum literarischen Schreiben animiert hat.

Mit einem autofiktionalen Ich lässt sich eine Schnur direkt von Herz zu Herz spannen. Wer auf diese Weise „ich“ sagt, öffnet – schreibend – einen intimen Raum und beschenkt Leser ∙innen mit seinem unverwechselbaren Blick auf die Welt. Jemand, der „ich“ sagt, erlaubt mir, die Welt „durch seine Augen zu sehen“ und ihm dadurch ganz nahe zu kommen.

Was dieses Gefühl der Nähe zusätzlich verstärkt, ist der sogenannte „autobiographische Pakt“ (Philippe Lejeune), also die Einladung an die Lesenden, Autor∙in und Ich-Erzähler∙in wenn auch vielleicht nicht ganz in eins zu setzen, so doch aber starke Ähnlichkeiten zwischen ihnen vermuten zu dürfen. Dieses Versprechen des „Authentischen“ ist sicherlich ein Grund, warum das autofiktionale Schreiben im 21. Jahrhundert Hochkonjunktur hat.

Mich persönlich interessiert beim Lesen gar nicht so sehr, was genau ein autofiktionales Ich ‚wirklich’ erlebt hat. Viel faszinierender finde ich die besondere Energie, die ein solches Ich freisetzt. Das Ich des Textes trifft im Lesen auf ein anderes Ich. Es entsteht ein Spiegelkabinett aus Identifikation und Differenz.

Ich selbst unterscheide zwei Arten von Autofiktion. Die eine nutzt fiktive Elemente für ein Vexierspiel, dem es darum geht, den autobiographischen Pakt vorsätzlich zu irritieren. Das Ich dieser Variante verweigert das Begehren nach Authentizität. Seine Freiheit besteht darin, nicht identifiziert, nicht festgelegt werden zu können. Die zweite Variante begreift Fiktion als Vehikel für die Suche nach seiner persönlichen Wahrheit. Seine Befreiung liegt darin, etwas, was nie gesagt werden sollte oder konnte, aussprechen zu können. Man könnte auch sagen: Die eine Spielart versucht, das Ich weiter zu dekonstruieren, die andere strebt danach, es zu (re-)konstruieren.

In der ersten Variante ist die Verwirrung hinsichtlich der Frage „Wer spricht?“ Programm – wenn auch kein Selbstzweck. Eher protestiert sie gegen die „Funktion Autor“, wie Michel Foucault die leichtfertige Ineinssetzung von Autorin und Erzählerin einmal nannte. Isabelle Lehns Frühlingserwachen etwa lebt von der diebischen Freude an der Maskerade. Ähnlich kokett markiert die Ich-Erzählerin in Jeanette Wintersons Written on the Body immer wieder ihre Unzuverlässigkeit. “Trust me. I'm telling you stories“ – man soll, man kann ihr eben gerade nicht trauen … .

Die zweite Variante der Autofiktion nutzt Fiktion wie gesagt als Vehikel der Wahrheitssuche. Oder gar: der Entscheidungsfindung. So etwa in Sheila Hetis Motherhood. Zu Beginn eines jeden Kapitels wirft die Erzählerin drei Münzen. Auf jede Frage, die sie stellt, antwortet der Münzwurf mit „Ja“ (zwei- oder dreimal Zahl) oder „Nein“ (zwei- oder dreimal Kopf). Mithilfe dieses performativen Tools versucht die Erzählerin herauszufinden, ob sie Mutter werden will oder nicht. Niemand wird ernsthaft glauben, dass die echte Sheila Heti an ihrem Schreibtisch gesessen und Münzen geworfen hätte. Was man ihr glaubt, ist, dass sie nur schreibend herausfinden konnte, ob sie einen Kinderwunsch verspürt oder nicht. Von der Energie dieser existentiellen Frage lebt der Text. Der Vektor dieses Schreibens ist eben kein Verwirrspiel, sondern die Selbstaufklärung.

Ich selbst gehöre eher dem zweiten Typus an. Ich schreibe Autofiktion, weil ich etwas, das ich nicht verstehe, besser verstehen möchte, aber nicht ohne den Prozess des Schreibens verstehen kann. Wenn ich etwas bereits vorab verstanden hätte, bräuchte ich nicht schreiben.

Der Gedanke, dass im Schreiben ein authentisches Ich abgebildet werden könnte, ist mir suspekt. Wohl aber glaube ich, dass man sich als Autorin eines autofiktionalen Texts aufrichtigere Fragen stellen kann als in einer anderen Gattung. Gerade weil ich mir, schreibend, unter der Hand fremd werde. Weil ich Distanz zu mir gewinne. Durch dieses Fragen entsteht ein anderes Ich. Auch dieses neue Ich ist eine Kunstfigur – natürlich ist es das. Ein autofiktionales Ich reflektiert sich selbst zumeist megapoetisch als diejenige Instanz, die formt, auswählt, arrangiert. Es ist dem Selbstverständnis nach machtkritisch, weiß aber um seine eigene Macht resp. Verantwortung, insofern es die Hoheit über die eigene Geschichte reklamiert.

Und doch ist bei diesem zweiten Typus die Frage nach einer vorläufigen Wahrheit zentral. Es geht um eine Stimmfindung oder Stimmgebung. Darum, den Boden unter den Füßen zurückzugewinnen. Um eine (Re-)Konstruktion. Wer diese Art Autofiktion schreibt, „hat“ oftmals dem eigenen Empfinden nach gar keine Stimme, und empfindet es keineswegs als selbstverständlich, einfach „ich“ zu sagen. Umso kraftvoller und entschiedener artikuliert sich die hart erkämpfte Subjektivität.

Etwas, das nicht gesagt werden konnte / sollte, wird sagbar. Etwas, das nur persönlich sein soll, wird überpersönlich. Weil ich plötzlich über mich hinausschauen kann. Weil ich Strukturen sehe. Weil ich an Machtverhältnissen rüttele. Entscheidend ist nicht zuletzt der Vektor. Was auffällt an autofiktionalen Texten wie Alison Bechdels Fun Home, Meena Kandasamys Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau, Guadalupe Nettels The Body where I was born, LidiaYuknavitchs The Chronology of Water oder Ocean Vuongs Auf Erden sind wir kurz grandios – ist dieses: Es sind allesamt Befreiungsgeschichten.

Autofiktion zu schreiben ist ein radikaler Akt. Wer autofiktional „ich“ sagt, haftet mit Haut und Haar für das Gesagte (nicht zufällig bin ich jahrelang davor zurückgeschreckt …). Autofiktion, würde ich behaupten, geschieht niemals leichtfertig.

Auch kommt kaum ein autofiktionaler Text ohne eine gewisse Trauer aus. Wie viel Mut musste gesammelt werden, um „ich“ sagen zu können. Wie viel Versäumnis liegt über all dem. Wie viel Zeit hat man damit vergeudet, eine ganz andere sein zu wollen. Alles, nur nicht man selbst. Wie viel Kraft kostet es, sich – schreibend – die eigene Stimme wieder- und wieder-zuholen.

Die Autofiktion, die ich gerne lese, hat  – aller emphatischen Befreiung zum Trotz – ein Bewusstsein für die Partikularität der eigenen Perspektive. Gerade weil sie fast nie allein sich selbst, sondern immer auch nahe Menschen wie Mutter oder Vater in den Blick nimmt, ist dies ein wichtiger Teil ihres Ethos. Das autofiktionale Ich inszeniert sich nicht als Garant von Wahrheit, sondern als ein Ort der fortwährenden Transformation. Jeder Text bringt ein neues Ich hervor, und zwar eines, das um sich selbst als Ephemeres weiß. Ich schreibe hin auf eine Wahrheit, die erst noch durch die Lektüre Anderer vervielfältigt werden muss. Die Verabredung mit mir selbst lautet: Das Ich eines Textes hat immer nur im Prozess des Schreibens Bestand, schon nach vollendeter Niederschrift erlischt es – und ersteht erst dann wieder auf, wenn ein neues Buch beginnt.

Über # Daniela Dröscher

Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, schreibt Prosa, Essays und Theatertexte. Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik in Trier und London, Promotion im Fach Medienwissenschaft an der Universität Potsdam sowie ein Diplom in »Szenischem Schreiben« an der Universität Graz. Ihr Romandebüt »Die Lichter des George Psalmanazar« erschien 2009, es folgten der Erzählband »Gloria« und der Roman »Pola« sowie das Memoir »Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft« Sie wurde u.a. mit dem Anna-Seghers-Preis sowie dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. Ihr Roman "Lügen über meine Mutter" stand 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Sammlung mit 5 Veranstaltungen

Autobiographisches Schreiben – Von der Unmöglichkeit, Ich zu sagen

12. Juli 2022, 1:50h

Hörtipp #1

Wer ist dieses Ich der Autofiktion? Hiromi Itō und Frank Witzel betonen gleichermaßen die Konstruiertheit, aber auch die Grundierung der eigenen Identität in leibkörperlichen Erfahrungen. Als prägende Autor ∙ innen und Werke werden genannt: Allen Ginsberg und Rolf Dieter Brinkmann, aber auch Manga-Comics sowie die Lyrics der Singer-Song-Writer Bob Dylan und Patti Smith. Es geht um Lesungen in dunklen Höhlen und darum, dass Autofiktion eben gerade keine Selbstentblößung, sondern Schutz und Ermächtigung bedeutet.

Lieblingsgedanke: Autofiktion kann lebensrettend sein – nur muss man den Rettungsring aus Algen aka Literatur flechten. Womöglich hat man mehr Erfahrungen in der Literatur gemacht als im echten Leben ….

Autobiografiefiktionen (I)

20. März 2012, 1:30h

Hörtipp #2

Mit Autofiktion kann man sich schreibend unerfüllte (Kindheits-)-Träume erfüllen. Weil sie an einer rororo-Biographie über sich selbst scheiterte, greift Felicitas Hoppe auf Verfahren der Autobiographie zurück – Zeitzeugen werden befragt, Briefe und Tagebücher zitiert – und verwandelt sich so in eine Biografin ihrer selbst. Diese Distanznahme ermöglicht ein genaueres Betrachten-Können der eigenen Person. Das Gespräch zeigt Hoppe als eine märchenhaft-lustvolle Traumbiographie, die zwar von dunklen Dingen weiß, zum Glück aber eine „Hoppesche Mitternachtssonne“ in sich trägt.

Lieblingsgedanke: Das Ich-sagen, das als Garant von Authentizität gilt, verleitet zum Lügen, sobald man „Ich“ sagt, kommt man ins Schummeln.

Trouver sa voix, die Stimme finden.

27. August 2022, 0:56h

Hörtipp #3

Hier erklärt uns die „Königin der Autofiktion“, wie sie überhaupt zum autofiktionalen Schreiben gekommen ist (genau genommen spricht Ernaux von „Autoethnographie“, nicht von Autofiktion). Eindrücklich ist die Sequenz, in der Annie Ernaux von dem Ekel berichtet, der sie befiel, als sie versuchte, das Leben ihres verstorbenen Vaters in einen klassischen Roman zu verwandeln. Das auf Überleben und Nützlichkeit gerichtete Leben des Vaters versperrte ihr den Weg in eine nostalgische „Erinnerungspoesie“. Ausgehend hiervon gibt Ernaux Auskunft über ihr „unpersönliches Schreiben“ und auch den Austausch mit ihrer Übersetzerin Sonja Finck.

Lieblingsgedanke: Ernaux’ Stimme ändert sich von Buch zu Buch und ergibt sich aus dem jeweils vorherigen Text.

»Welten auseinander«

13. Januar 2022, 1:30h

Hörtipp #4

Um das existentielle Gefühl ihrer Verlorenheit zu ermessen, wollte bzw. konnte Julia Franck keine „Ersatzgeschichten“ finden, keine ihrer Erfahrungen fiktionalisieren. Das Alter transformiert den Blick nicht nur auf das eigene Leben, sondern auch auf das Leben der Anderen, in diesem Fall der Mutter – die man ja unweigerlich miterzählt, wenn man von Kindheit und Adoleszenz erzählt. („Life is not personal“).

Lieblingsgedanke: Man sollte in Familien nie die Bücher der Angehörigen lesen. Insbesondere sollte man als Schriftstellerin seine Kinder davor schützen, die Bücher ihrer Mutter zu lesen. Sonst riskiert man, dass sich das Gelesene durch die „Unerbittlichkeit des Gedächtnisses“ in die viel zu jungen Herzen einschreibt.

„Leben“

12. März 2013, 1:15h

Hörtipp #5

Wie schreibt, wie vermisst man den eigenen Körper? Der nahende Tod ist ein Grenzwert der Autofiktion, und David Wagner protokolliert in dem Roman Leben sowohl seine potentiell tödliche Autoimmun-Erkrankung als auch den Weg der Rekonvaleszenz. Der wundersame Umstand, dass er selbst durch eine Transplantation am Leben ist, musste erzählt werden. Die Arbeit am Text beginnt zwar mit dem genauen Beobachten des Krankenhaus-Alltags, dann aber muss der Stoff in die „schönste denkbare Form“ gebracht werden.

Lieblingsgedanke: „Alles war genau so und ganz anders.“ Der Autor ist der Dümmste vor seinem Werk. Man darf sich nicht täuschen lassen davon, dass jemand „ich“ sagt.