Studio LCB mit Dževad Karahasan

25. Januar 2016
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Dževad Karahasan
Gesprächspartner: Lothar Müller und Katharina Raabe
Moderation: Maike Albath

Programmtext

Wie kommt es zum Niedergang einer blühenden Kultur? In seinem neuen Roman „Der Trost des Nachthimmels”, der in diesem Frühjahr in Katharina Wolf-Grießhabers deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erscheint, erzählt der große bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan, wie religiöser Fundamentalismus eine vitale, von geistiger Vielfalt und Toleranz geprägte Epoche zerstört. Es geht um das Reich der Seldschuken im 11. Jahrhundert. In der Hauptstadt Isfahan stirbt völlig überraschend ein angesehener Mann. Der Sohn des Verstorbenen will wissen, was dahinter steckt. Er sei vergiftet worden, vermutet der Hofastronom, und kurze Zeit später zerreißen Intrigen und soziale Spannungen das Reich, während Kreuzritter und Mongolen es von außen angreifen. Mit eindrucksvoller epischer Kraft zeichnet Dževad Karahasan die Geschichte eines Zerfalls nach. Gleichermaßen in der mitteleuropäischen und islamischen Kultur verwurzelt, prägen den 1953 im bosnisch-herzegowinischen Duvno als Sohn einer gläubigen Muslimin und eines überzeugten Kommunisten geborenen Schriftsteller seit jeher ganz unterschiedliche Welten. Der Frühzeit des Islams hatte sich Karahasan, 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet und Verfasser zahlreicher erzählerischer und essayistischer Werke, in seinem arabeskenreichen Roman „Der östliche Diwan” (1993) zugewandt. Ob sich seine Wahrnehmung geändert hat, wird Gegenstand des Gesprächs mit der Osteuropaexpertin und Lektorin des Suhrkamp Verlags Katharina Raabe und dem Literaturredakteur der Süddeutschen Zeitung Lothar Müller sein.

Weiterführende Information

Als einen "Grenzgänger" zwischen Osten und Westen stellt Maike Albath den Hauptgast des heutigen Abends vor. Karahasan selbst weist darauf hin, dass ihm die Welt in der Vorstellung und Einbildung lange Zeit wichtiger gewesen sei als deren tatsächliche Erkundung; die Verbindung zur Belagerung Sarajevos erläutern Katharina Raabe und Lothar Müller. Das verlorene Alte sei ebensosehr Motor des Schreibens von Dževad Karahasan wie die Faszination für neue Strukturen, über die er spricht. In Vorbereitung auf die Lesung wird noch über den historischen Stoff seiner Romane diskutiert. Nach der ersten Lesung befragt Maike Albath die Gäste zu ihren Lektüreeindrücken. Lothar Müller betont die erzählerische Glaubwürdigkeit eines Textes, der auf "alle erzählerischen Tricks des modernen Romans" verzichte. Katharina Raabe zeigt sich vor allem von der Komik und dem Schrecken des Werkes beeindruckt, lobt aber auch Karahasans außergewöhnliche Fabulierkunst. Es wird ausführlich über den Zusammenhang zwischen den Wissenschaften und gesellschaftlichen Prozessen in der Welt des Romans gesprochen. Maike Albath bringt das Gespräch auf das für Karahasan so wichtige Motiv des "Verfalls", was den Schriftsteller auf das Thema des Fundamentalismus bringt. Dessen zerstörerische Gewalt liege in der binären Ordnung, die er der Welt aufzwingen wolle, begründet. Auf die zweite Lesung folgt ein Gespräch über Karahasans Anspruch, beim Erzählen nichts auszusparen und zugleich das Unsagbare zuzulassen. Es wird über seine Erzähltechnik und über das Lektorat des Buches gesprochen. Zum Schluss wendet sich das Gespräch noch der Rezeption des Romans in Bosnien selbst zu.

Personen auf dem Podium