Zwiesprachen II: Uljana Wolf über Theresa Hak Kyung Cha

11. Juni 2015
Stiftung Lyrik Kabinett

Dichter:innen sprechen über Dichter:innen, die für ihr eigenes Schaffen bedeutsam sind.

Programmtext

Wer diktiert, wenn eine spricht, die Herkünfte ihrer Namen, Heimaten, Mythen? Wie spricht sich das poetisch Ungehörige, Unzugehörige der Immigrantin, der Mutter, der Revolutionärin? Die koreanisch-amerikanische Dichterin und Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha veröffentlichte 1982 ihr wegweisendes Buch Dictee, in derselben Woche, in der sie in New York ermordet wurde. Nicht die Muttersprache bleibt, sondern ein wichtiges Hauptwerk der postkolonialen Avantgarde, das mit seiner irritierenden, zwischen Sprachen und Genres changierenden Poesie wichtige Fragen bis in unsere nationalsprachliche Gegenwart hineinpunktuiert ... — Die Lyrikerin und Übersetzerin Uljana Wolf lebt in New York und Berlin; jüngste Veröffentlichungen: der Gedichtband meine schönste lengevitch (2013) sowie Übersetzungen von Yoko Ono, Eugene Ostashevsky, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki.

Von weit her Ferne
welche Nationalität
welche Abstammung
oder Bluts oder Verwandtschaft
welche Blutlinien aus Blut
welche Strippen oder Sippen
welche Rasse Klasse Gen/eration
welcher Clan Stamm Stammung Bestand
welches Haus Geschlecht welche Kaste Konfession
welche Familie Zucht Sorte Brut Art
welche Streuung Störung Verschollung
Tertium Quid nicht dies nicht das
Tombe de nues de Transplantat
eingebürgert aufgeräumt zu was

Theresa Hak Kyung Cha, aus: Dictee. University of California Press 2001, S. 20, übersetzt von Uljana Wolf.

Personen auf dem Podium