Studio LCB mit Heinrich Steinfest

19. Mai 2010
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Heinrich Steinfest
Gesprächspartner: Joachim Kalka, Julia Schröder
Moderation: Denis Scheck

Sobald alle Rechtsinhaber zugestimmt haben, wird diese Veranstaltung vollständig nachzuhören sein.

Programmtext

Können Sie sich einen schwäbischen James Bond vorstellen? Einen Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten, der statt auf seinen Martini, gerührt, nicht geschüttelt, mit derselben souverän-eisigen Weltläufigkeit auf seine Spätzle insistiert, aber geschabt, versteht sich, nicht aus der Maschine? Einen schwäbischen James Bond, der ausgerechnet in Stuttgart-Botnang wohnt, 608 Jahre alt ist und im Dienste einer außerirdischen Macht steht? Mehr noch, der dort in Stuttgart-Botnang eine Literaturzeitschrift herausgibt, die den Titel trägt: „Schwäbisches Bürgerblatt für Verstand, Herz und gute Laune“? Falls Sie nicht allzu viel Mühe haben, sich all das vorzustellen, sind Sie ein Leser mit trainiertem Möglichkeitssinn – mit anderen Worten: ein Heinrich-Steinfest-Leser. Kein lebender deutschsprachiger Schriftsteller mutet der Phantasie seiner Leser mehr zu als dieser österreichische Autor, der 1961 in Australien geboren wurde und heute in Stuttgart lebt. So ist der schwäbische Alien und Literaturfreund denn auch nur eine der Hauptfiguren aus Steinfests jüngstem Roman „Gewitter über Pluto“ – neben einem 40jährigen Pornostar, der aus der Filmbranche aussteigen und ein Handarbeitsgeschäft in Wien eröffnen möchte. Im LCB wird Heinrich Steinfest aus einem neuen, im Herbst erscheinenden Roman lesen und mit den Literaturkritikern Julia Schröder (Stuttgarter Zeitung) und Joachim Kalka (FAZ) über Phantasie und Realismus in der Literatur diskutieren.

Weiterführende Information

Das Buch, das im Herbst erschien und in der Sendung vorgestellt wurde, hieß "Batmans Schönheit". Hauptsächlich geht es in diesem Studio-LCB um das Genre des Krimis. So wird ausführlich die Geschichte und das Wesen des Kriminalromans erörtert. Joachim Kalka analysiert einmal die zwingende Nähe zwischen Gewalt und Alltag: "Der Mord muss geschehen. Und warum ist das so? Ich glaube, wir kommen der Frage dadurch näher, wenn wir uns die Tatort-Krimis im Fernsehen ansehen. Dann konstatieren wir, das sind eigentlich Bürofilme. Da wird darüber geredet, dass der eine Kollege eine Diät macht und den anderen damit auf den Wecker geht. Der andere hat wiederum Probleme mit seinen Töchtern. Diese Privatprobleme würde ich mir in keinem Spielfilm bieten lassen, wenn sie nicht in unmittelbarer Nähe von Mordtaten geschähen. Was geschieht hier? Es gibt offensichtlich ein magnetisches Kontinuum, in das man solche Alltagstrivialitäten hineinsetzen kann. Und plötzlich haben sie wieder etwas Unterhaltendes oder Bedeutendes."
Rasch wird auch deutlich, dass Steinfests Romane sich von anderen Krimis unterscheiden: Zum Beispiel gibt es keine Mordauflösungen. Auch als Steinfest "Batmans Schönheit" vorliest, wird evident,  dass der Autor mehr Gewicht auf den Monolog beziehungsweise auf die Schilderung der Bewusstseinsströme seiner Figuren legt. Und die Teilnehmer stellen letztlich ebenfalls eine Nähe zu Swedenborg fest - einen schwedischen Barockdenker sowie berühmten Mystiker, dessen Werk u.a. Jorge Luis Borges stark beschäftigte. Ergo ein 'Motiv', welches man im Krimi nicht vermuten würde. Julia Schröder sagt dazu einmal: "Wenn man sich vor Augen führt, was Emmanuel Swedenborg gemacht hat, nämlich zweiundzwanzigtausend Manuskriptseiten geschrieben, um die Welt zu erklären - und zwar von seiner Art von Schau... Eine sehr komplexe und sehr ausformulierte Lehre von Entsprechungen vom irdischen und himmlischen Dasein... Sehr vieles davon wird in den Romanen Steinfests wieder verarbeitet."

Personen auf dem Podium