Ausstellungseröffnung: Der ganze Prozess

06. November 2013
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Vortrag: Louis Begley
Moderation: Ulrich Raulff

Programmtext

Wohl am 11. August 1914, einem Dienstag, wurde einer der berühmtesten Romane der Moderne begonnen, ohne je abgeschlossen zu werden: Franz Kafkas Prozess. Nun ist das Manuskript Blatt für Blatt im Literaturmuseum der Moderne zu sehen. Kommentiert u. a. von Stanley Corngold, Péter Esterházy, Saul Friedländer, Friederike Groß, Anselm Kiefer, Sibylle Lewitscharoff, Rosalie und Pavel Schmidt. Zur Eröffnung zeigt Louis Begley seinen Kafka, Ulrich Raulff begrüßt.

Weiterführende Informationen

Louis Begley betont, dass er als Romancier und nicht als Gelehrter über Kafka und darüber spricht, wie man ihn lesen und nicht lesen sollte. Ohne – in noblem Understatement – den Namen des Autors zu nennen, nimmt er seinen Ausgangspunkt bei einer Kafka-Studie, die die Texte des Prager Autors unter anderem psychoanalytisch als Verarbeitung der eigenen unterdrückten Homosexualität versteht. Damit aber werde, so Begley, der Fiktionalität des Kafka'schen Werks Gewalt angetan und dessen Literatur- bzw. Kunstcharakter wo nicht in Abrede gestellt, so zumindest übergangen. Begley hingegen spricht sich für eine antibiographische Lektüre nicht nur Kafkas, sondern jeder fiktionalen Literatur aus und erteilt darüber hinaus denjenigen philologischen Ansätzen eine Absage, die ihr Erkenntnisinteresse nicht aus dem Werk gewännen, sondern aus der Applikation der eigenen Theorie – sei dies nun die Psychoanalyse, der Marxismus oder die Gendertheorie. Dabei folgt er einer Lesemaxime Nabokovs, dessen Kurs über Kafkas Verwandlung er in den 50er Jahren in Harvard besuchte: „In reading, one should notice and fondle details. If one begins with a ready-made generalization, one begins at the wrong end and travels away from the book before one has started to understand it.“ Jenen zärtlichen Umgang mit erzählten Einzelheiten in Kafkas Werk führt Louis Begley an einigen Beispielen vor und versucht so zu ergründen, was Kafkas oftmals groteske und unwirkliche Figuren, Räume und Situationen (z. B. das Gericht auf dem Dachboden im Process) so glaubwürdig und damit letztlich alltäglich erscheinen lässt.

Personen auf dem Podium