Carl Friedmann, Pawel Huelle, W.G. Sebald: ‘How three authors are coming to terms with the Second World War‘

03. Februar 2001
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Veranstaltungsort


Goethe-Institut Amsterdam

Gesprächspartner: Carl Friedmann, Pawel Huelle, W. G. Sebald
Moderation: Elisabeth Wehrmann
Sammlung „Goethe-Institut Amsterdam“: Tonkassette 126 

Programmtext

Während 1999 europäische Wissenschaftler innerhalb eines Symposiums über die Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs in der zeitgenössischen Literatur und Kunst sprachen, gilt das Wort heute Abend Autoren aus den Niederlanden, Polen, Deutschland und England, die alle aus verschiedenen biografischen Perspektiven anhand von Textfragmenten und in einer anschließenden Diskussion über ihre persönliche Triebfeder und Erfahrungen beim literarischen Verarbeiten des genannten Themas sprechen.
Carl Friedman (1952, Eindhoven), debütierte 1991 mit ihrer beeindruckenden, stark autobiografischen Novelle „Tralievader“, 1993 folgte der Roman „Twee koffiers vol“ und 1996 „De grauwe minaar“. Ihre beiden ersten Werke wurden verfilmt und alle ihre Romane erschienen in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. In sauberen, glasklaren Sätzen und mit Humor schreibt sie über ihr Leben mit einer grausamen Vergangenheit und über die Suche nach der eigenen Identität. Carl Friedman schreibt auch Kolumnen für die Trouw. Sie wurde unter anderem 1997 für den europäischen Literaturpreis nominiert. 
Der Journalist und Autor Pawel Huelle (1957, Gdansk), lehrte an der Universität Danzig, arbeitete für Solidarnosc und ist ehemaliger Direktor von Poolse Televisie Danzig. Die historische Vergangenheit seiner Geburtsstadt Danzig und die Mechanismen der menschlichen Erinnerung spielen eine große Rolle in seiner Arbeit. In seinem Debüt „Weiser Dawidek“ (1987) beschreibt er die Welt eines Kindes in Zeiten der totalitären Unterdrückung. Huelle gehört zu der jüngeren Generation der polnischen Autoren, die den Spuren der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg folgen. Übersetzungen erschienen unter anderem beim Amber und beim Luchterhand Verlag.
W.G. Sebald (1944, Wertach im Allgäu), Professor für Neue Deutsche Literaturwissenschaften an der University of East Anglia in Norwich, wird oft als Autor von schwerfälligen, sogar depressiven Stimmungen beschrieben, aber gleichzeitig auch als Autor einer ungekannten freien und makellosen Prosa charakterisiert, die sich in Kreisen rund um die „stille Katastrophe“ bewegt. Über „Die Ausgewanderten“ (1992) – Geschichte von Menschen, die ungezwungenermaßen ihr Vaterland verlassen – schrieb die Basler Zeitung: „Diese Erzählungen sind ein Mahnmal gegen das Vergessen der eigenen, der deutschen Geschichte“. In „Luftkrieg und Literatur“ (1999) stellt Sebald die Frage, wie die Deutschen mit dem Trauma des Zweiten Weltkrieges umgegangen sind. Er erhielt im Dezember 2000 den Heinrich-Heine-Preis.
Elisabeth Wehrmann, Germanistin und Publizistin, wird diesen Abend leiten. 

Weiterführende Informationen

Nach der ausführlichen Einführung in die Thematik von Elisabeth Wehrmann liest zunächst Carl Friedman fünf Erzählungen aus ihrem Band „Vater“, die sich aus kindlicher Perspektive um die Lagererfahrungen der Vaterfigur drehen. Anschließend liest Pawel Huelle zum einen seine Erzählung „Table“ über einen Tisch, der vor dem Krieg einer deutschen Familie gehörte, zum anderen ein Statement über die Forderung nach Wiedergutmachung des Bundes der Vertriebenen. Den Abschluss bildet W. G. Sebald, der einen kurzen Einblick in die Entstehung seines Essaybandes „Luftkrieg und Literatur“ gibt, kurz die von ihm ausgelöste Debatte skizziert und daraufhin eine Passage aus diesem Band über die Zerstörung Hamburgs liest. Fragen nach der ritualisierten Erinnerung an den Bombenkrieg in Deutschland, nach der durch Krieg und Völkermorde gezeichneten Gegenwart und dem angemessen Gedenken des Holocausts bestimmen das abschließende Gespräch.

[Die Aufnahme ist teilweise in English / recording partly in English]

Die Sammlung des Goethe-Instituts Amsterdam umfasst 217 Tonkassetten mit Autorenlesungen, Vorträgen, Konferenzen und Performances. Sie wurde dem Deutschen Literaturarchiv Marbach vom Goethe-Institut in Amsterdam gestiftet. Die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1989, die späteste aus dem Jahr 2006.

[Die Lesung im Marbacher Online-Katalog findet sich hier.]

Personen auf dem Podium