Studio LCB mit Jens Sparschuh

13. Dezember 1994
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Jens Sparschuh
Moderation: Hubert Winkels
Gesprächspartner: Volker Braun, Ursula Escherig

Programmtext

"Gefängnisstrafe oder Freiheitsstrafe - was ist schlimmer?" Diese Frage treibt den Protagonisten des neuen Buches von Jens Sparschuh um, das im kommenden Jahr erscheinen wird. Im Untertitel als "Heimatroman" bezeichnet, handelt es von der verlorenen Heimat eines nach der deutschen Vereinigung zunächst arbeitslos gewordenen Bürgers der ehemaligen DDR, der später als stummer Vertreter einer Zimmerspringbrunnenfirma einen zweifelhaften Aufstieg in einer neuen Welt erlebt. Jens Sparschuh, 1955 in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) geboren, wurde mit zahlreichen Hörspielen und Romanen bekannt (u.a. "Der Schneemensch", 1993). Mit dem Autor diskutieren der Schriftsteller Volker Braun, die Kritikerin Ursula Escherig und der Moderator Hubert Winkels.

Weiterführende Informationen

Das Thema dieser Radiosendung wird u.a. deutlich in dem Gespräch zwischen Hubert Winkels und Ursula Escherig. Einerseits geht es hier um den speziellen Umgang der westdeutschen Kritik mit DDR-Autoren vor und nach dem Fall der Mauer, andererseits hört man Kommentare zur gesamtdeutschen Befindlichkeit. Ein Ausschnitt:
Winkels: "Würden Sie sagen, es gibt heute immer noch klar unterschiedene Milieus oder Biotope literarischer Art im Osten der Stadt und im Westen?"
Escherig: "Ich gehe relativ viel in die festen literarischen Einrichtungen, also Literaturhaus in der Fasanenstraße, LCB - wo wir gerade sind, auch in die Literaturwerkstatt in Pankow und auch ab und an ins Brecht-Haus. Ich denke, es hat sich noch immer nicht so vermischt, wie wir es gerne alle hätten. Vor allem, was den Austausch der Kollegen untereinander betrifft. Ich kann oft die Feststellung machen, wenn ich die Stadthälften wechsle, ich ganz bestimmte Gesichter sehe, die ich in der anderen nicht sehen werde. Und das ist nicht nur eine Frage der Entfernung, sondern vielleicht auch immer noch eine Frage dessen, wo man sich wohler fühlt."
Winkels: "Und Ihre Perspektive auf die Literatur und die Szene - hat die sich auch geändert - auf 1989/1990, dass Sie im Nachhinein was feststellen konnten? Sehen Sie DDR-Bücher anders als Sie sie früher gesehen haben?"
Escherig: "Die Bücher eigentlich nicht, sondern eher die Rolle der Literaturkritik schätze ich anders ein als vor fünf-sechs Jahren."
Winkels: "Wie hat die sich geändert?"
Escherig: "Das wissen wir ja alle spätestens seit dem Literaturstreit um Christa Wolf. Dass sich die Kriterien einfach verlagert haben. Den Bonus, den man Schriftsteller aus der DDR ja oft gegeben hat, war auf einmal weg."
Sparschuhs Roman "Der Zimmerspringbrunnen", der zum Zeitpunkt der Sendung noch nicht veröffentlicht war, variiert ein beliebtes Thema der Moderne: Die Weltsicht von Angestellten auf das durch High-Tech und Hochindustrialisierung verkomplizierte gesellschaftliche Umfeld. In diesem Falle ist es der Vertreter, der ein unmögliches Produkt zu vertreiben versucht - einen Zimmerspringbrunnen; und seinen Absatzmarkt im Osten Deutschlands zu Beginn der 90er Jahre sucht, ein zu dem Zeitpunkt ökonomisch eher desaströsen Gebiet.

Personen auf dem Podium