Studio LCB mit Lutz Seiler

10. Juni 2014
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Lutz Seiler
Gesprächspartner: Lothar Müller und Antje Rávic Strubel
Moderation: Maike Albath

Programmtext

Es begann mit Brandqualm, süßlichen Gasen und Gestank, der die Schleimhäute zerfraß: Schon in seinen ersten Gedichten machte Lutz Seiler, 1963 in Gera geboren und in der Gegend des Uranabbaus aufgewachsen, seine Herkunft zum Thema. In der Lyriksammlung „Pech und Blende” (2000) lotete er die Industrielandschaften der DDR weiter aus. 2007 gewann Seiler mit der Erzählung „Turksib” den Ingeborg-Bachmann-Preis, zwei Jahre später kam der Band „Die Zeitwaage” heraus. Im kommenden Herbst wird er seinen ersten, lang erwarteten Roman vorlegen: „Kruso”. Es geht um einen jungen Mann namens Bendler, der auf die Insel Hiddensee flüchtet, ein Ort „jenseits der Nachrichten“, wo sich alle Arten von Aussteigern und Systemverweigerern als Tellerwäscher und Saisonarbeiter durchschlagen können. Er schließt Freundschaft mit dem Inselpaten Kruso, dessen Utopie von Freiheit zu funktionieren scheint. Lutz Seiler liest zum ersten Mal aus seinem Romanmanuskript und diskutiert mit der Schriftstellerin Antje Rávic Strubel und dem Literaturkritiker Lothar Müller über das Vermächtnis der DDR.

Weiterführende Information

Das Gespräch über Lutz Seilers "Robinsonade" beginnt mit einer Erkundung der tief eingeprägten Kindheitserinnerungen der Gäste an Ostseeurlaube in der DDR. Darauf erzählt Lothar Müller von seiner Wahrnehmung Lutz Seilers als "Landschafter" jenseits des politisch Monochromen und Maike Albath befragt den Autoren zum Wechsel der literarischen Gattung. Nach der ersten Lesung wendet sich das Gespräch der Poetik des Romans zu. Das Motiv des Restaurants als Schiff führt Lothar Müller zu der Feststellung, Seilers Erzählen sei ein "ganzkörperliches". Maike Albath lenkt das Gespräch auf die "Realien" - Seilers Tätigkeit als Saisonkraft auf Hiddensee und die realen Personen hinter den Romanfiguren. Bei aller mythologischen Überzeichnung bleibe der zeithistorische Hintergrund stets präsent, stellt Lothar Müller fest. Die Parallelen zu "Robinson Crusoe" findet Antje Rávic Strubel demnach ebenfalls "subtil" - im Fokus stünden andere Themen. Im Anschluss an die zweite Lesung wendet sich das Gespräch der Erzählweise zu. Lothar Müller entdeckt eine "Nähe zur Poesie" in Seilers Sprache, während der Autor vor allem auf den poetischen Mehrwert von sich "entfaltenden" Gegenständen hinweist. Obgleich Seiler sein Buch von allem "Musealen" distanzieren will, wird ausführlich über die objekthafte Präsenz der DDR in dem Roman diskutiert. Zum Abschluss berichtet der Autor von seinen Recherchen zu den Flüchtlingstoten der Ostsee.

Personen auf dem Podium