Writers in Prison – Writers in Exile. Mit Doğan Akhanlı, Christa Schuenke und Mansoureh Shojaee

20. November 2012
Deutsches Literaturarchiv Marbach

Doğan Akhanlı und Mansoureh Shojaee im Gespräch
Begrüßung: Jan Bürger
Moderation: Christa Schuenke
Übersetzung: Soheyla Mielke

Programmtext

Mansoureh Shojaee, eine der führenden Vertreterinnen der iranischen Frauenrechtsbewegung, und Doğan Akhanli, 2010 in der Türkei verhaftet, sprechen mit der Übersetzerin Christa Schuenke.

Weiterführende Informationen

Begleitend zur Ausstellung „Kassiber. Verbotenes Schreiben“ im Literaturmuseum der Moderne führte das Deutsche Literaturarchiv Marbach in Kooperation mit dem PEN-Zentrum Deutschland eine Reihe von Veranstaltungen durch, in der ehemalige und aktuelle Stipendiaten aus den Writers-in-Prison- und Writers-in-Exile-Programmen des PEN zu Gast waren. Die in der Ausstellung vom 27. September 2012 bis zum 27. Januar 2013 präsentierten Textexponate sind alle in Gefängnissen und im Exil entstanden.

Doğan Akhanlı wurde insgesamt drei Mal in der Türkei inhaftiert: Zum ersten Mal als 18-Jähriger, weil er an einem Zeitungskiosk aus Neugier das Magazin einer linksradikalen Organisation gekauft hatte. Von 1985 bis 1987 saß er als angeblicher Untergrundkämpfer in einem Block des Istanbuler Militärgefängnisses Metris, der von den dortigen Häftlingen „Sibirien“ genannt wurde. Er ging 1991 nach Deutschland ins Exil, wurde als politischer Flüchtling anerkannt und erhielt 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft. Als er im Sommer 2010 in die Türkei einreisen wollte, um seinen todkranken Vater zu besuchen, wurde er erneut festgenommen und in den Gefängnisblock mit dem Namen „Sibirien“ gebracht. Man warf ihm vor, als Mitglied einer terroristischen Vereinigung 1989 an einem bewaffneten Raubüberfall mit Todesfolge beteiligt gewesen zu sein. Vier Monate lang hielt man ihn fest, bis er endlich im Dezember 2010 freigelassen wurde. Während seiner Haft verfasste er eine Kurzgeschichte mit dem treffenden Titel „Sibirien“, die von seinem Anwalt nach Deutschland gebracht und im Internet veröffentlicht wurde. Dieses Dokument zeugt sprachlich-literarisch von der Willkür des türkischen Justizapparates und von der Absurdität der damaligen Vorgänge.
Doğan Akhanlı berichtet in Marbach, dass ihn das Lesen und Schreiben während der Einzelhaft gerettet habe. Da seine eigene Muttersprache bedrohlich auf ihn wirkte, flüchtete er sich damals in die deutsche Sprache. Die seelische Verletzung saß derart tief, dass es ihm auch nach seiner Freilassung sehr schwerfiel, wieder einen Zugang zu seiner eigentlichen Sprachheimat zu finden.

Mansoureh Shojaee wurde wegen ihres Engagements für die Rechte der Frauen im Iran zwischen 2007 und 2009 wiederholt verhaftet. Als sie im Dezember 2009 einen Artikel über die äußerst brutale Niederschlagung anhaltender Massenproteste gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom Juni desselben Jahres publizierte, wurde sie erneut festgenommen und erst vier Wochen später gegen Zahlung einer hohen Kaution wieder freigelassen. Mithilfe ihrer Anwältin Nasrin Sotoudeh, die selbst von 2010 bis 2013 im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis saß, erreichte sie die Aufhebung eines bereits früher gegen sie verhängten Ausreiseverbotes. Mansoureh Shojaee verließ den Iran und ging ins Exil.
Im Deutschen Literaturarchiv Marbach berichtet sie u. a. von dem starken Solidaritätsgefühl, das die Frauenrechtsaktivistinnen im Evin-Gefängnis verband.

Personen auf dem Podium