Studio LCB mit Prinz Asfa-Wossen Asserate von Äthiopien

21. Oktober 2003
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Prinz Asfa-Wossen Asserate von Äthiopien
Gesprächspartner: Martin Mosebach und Katharina Rutschky
Moderation: Denis Scheck

Sobald alle Rechtsinhaber zugestimmt haben, wird diese Veranstaltung vollständig nachzuhören sein.

Programmtext

Manieren hat jeder, viele allerdings glauben, sie besäßen die falschen. Deshalb haben Benimmbücher zur Zeit enorme Konjunktur. Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des äthiopischen Kaisers Haile Selaisse und heute als Unternehmensberater tätig, will sich mit seinem Buch "Manieren" (Eichborn, Die andere Bibliothek) nicht an diesem Etikette-Schwindel beteiligen. Er stellt weder Regeln auf noch liefert er ein Handbuch für Sozialaufsteiger. In seinem Essay geht es um die genaue Beschreibung der Manieren als diskursfähigem Teil der Moral. Manieren sind aristokratisch, unsere Gesellschaft will aber demokratisch sein. Verstoßen gute Manieren deshalb gegen den egalitären Zug unserer Zeit? "Ein Gespenst geht um in der klassenlosen Gesellschaft Deutschlands - die Angst, für kleinbürgerlich oder spießig gehalten zu werden. Alles, nur das nicht", schreibt Prinz Asserate und holt aus zu einem Lob des Spießers. Selten hat ein Autor seine Sache so radikal auf sich selbst, seine Beobachtungskraft und Analysefähigkeit gestellt. Das führt zu verblüffenden Erkenntnissen: "Politische Systeme bestimmen das Schicksal der Massen, nicht der Reichen. Ohne die Erde verlassen zu müssen, leben sie schon jetzt wie auf einem anderen Stern." Prinz Asserate liest aus "Manieren", über arm und reich, Manieren als "Menschwerdungsakte" und den Unterschied zwischen Herren und Männern, Damen und Frauen. Gesprächspartner sind die Publizistin Katharina Rutschky und der Schriftsteller Martin Mosebach.

Weiterführende Informationen

Dieses Studio-LCB beginnt höflich, endet aber regelrecht in einem heftigen Disput. Das ist insofern überraschend, weil es in Asserates Buch um Manieren, Etikette, ja um die historische Sicht auf das soziale Phänomen höflichen Umgangs geht. Und eben nach der Lesung kommt ziemlich viel Bewegung in die Diskussion. Katharina Rutschky setzt sich nämlich mit einer aus ihrer Sicht fragwürdigen Aussage in Asserates Buch auseinander: Manieren - so heißt es - sind Ausdruck eines gelungenen Lebens. "Da sträuben sich mir als Elias-Schüler die Haare", beginnt die Feuilletonistin ihren Angriff. Denn Manieren hätten rein gar nichts mit einem gelungenen Leben zu tun. Sie seien eher Ausdruck von Status und Herrschaft. So wie am französischen Hof die Etikette entwickelt wurde, um eine abgeschlossene Herrschaftsstruktur herzustellen - erklärt Rutschky weiter - so habe das Bürgertum später Elemente davon übernommen ... und diese hauptsächlich idealisiert. Rutschky versteht Asserates Zugriff auf das Verständnis von Manieren zwar einerseits als Moment ästhetischer Selbstinszenierung und achtet dies auch. Aber anderseits begreift sie sein Buch auch als Ausdruck hemmungsloser Idealisierung. Mosebach ist schließlich anderer Meinung und möchte Asserates Deutungsmuster eher als verspielten Zugang zu den unterschiedlichen Vorstellungen von Manieren verstehen, als Spiegel einer Zeitgenossenschaft, in der der soziologische Blick unbenommen bleibt, es aber eher um eine "Besetzung" des Begriffs durch die "Fantasie" gehe.
Und der Autor? Der verteidigt das heutige, verwandelte Verständnis von Manieren. Und fragt, was denn Frau Rutschky gegen gutes Benehmen habe, in dieser "derben Zeit".

Personen auf dem Podium