Studio LCB mit Friedrich Christian Delius

08. September 1997
Literarisches Colloquium Berlin

Lesung: Friedrich Christian Delius
Moderation: Hubert Winkels
Gesprächspartner: Elke Schmitter, Klaus Modick

Weiterführende Informationen

Es erweist sich als ein schöner Augenblick, als Delius in dieser Studio-LCB-Sendung mokant bemerkt, man würde über die "Veteranenmemoiren" heute nicht hinauskommen. Mit diesem Begriff lässt sich die Struktur der Gesprächsführung gut umreißen, wenngleich man die ironische Schärfe hierbei nicht so ernst nehmen sollte. Denn der Moderator verfolgt durchaus feinfühlig die Fährte des Werdegangs von Delius an Beispielen der jüngeren Literaturgeschichte der BRD. "Wie sind Sie zur Gruppe 47 gekommen? Brauchen wir heute eine Gruppe 47?", lauten eingangs seine Fragen - und Delius berichtet beispielsweise kurz von dem legendären Auftritt Peter Handkes 1966 in Princeton, wo er der Gruppe 47 vorwarf, an einer "impotenten Beschreibungsliteratur" festzuhalten." Ein "verschwitztes Jüngelchen" sei Handke gewesen, so Delius kurz und knapp.
Allerdings neigen die Gespräche nicht so stark ins Anekdotische. Vielmehr wird auf ein Phänomen der 60er-Jahre-Literatur Bezug genommen: die Dokumentarliteratur. Delius habe ja über "Siemens" geschrieben, es sei zu einem Prozess gekommen, so Winkels. Modick wertet Delius' Arbeiten über die Arbeitswelt als "Dokumentarsatire" und Elke Schmitter analysiert brillant, dass Dokumentarliteratur nicht ein singuläres Phänomen der 60er Jahre gewesen sei. Sie stellt die These auf, dokumentarische Verwertung von Material bliebe immer dann relevant, solange eine Gesellschaft verdrängte Schuldgefühle gegenüber anderen Wirklichkeiten empfände. So erneuere sich von Zeit zu Zeit das Meinungsbild, andere (oder bestimmte) Realitäten würden nicht erfasst; und bedürften deswegen medialer Präsentation.
Nach der Lesung kommt es zu einer kontroversen Debatte über Delius` fiktive Darstellung der späten 60er Jahre und der starken Politisierung im intellektuellen Milieu. Schmitter äußert ihre Enttäuschung über den Text und fasst ihn zusammen als "klischeehafte Beschreibung", in der man nichts erfährt, was man nicht schon wusste. Modick wertet die Erzählung anders. Er argumentiert, dass Delius versucht habe, sich in den historischen Augenblick hineinzuschreiben. Es sei ihm gelungen, all die Zusammenhänge und Koinzidenzen zu beschreiben, die jene Zeit ausmachten, ohne in eine Besserwisserei zu geraten, die eine rückwärtige Perspektive vielleicht verursacht hätte. So erinnert sich Modick, dass man beispielsweise an manchen Demonstrationen teilgenommen habe, weil "man einem Mädchen nahe" sein wollte. So beschreibe das Delius teilweise. Diese Art der "Peinlichkeiten" findet Modick dann gut erfasst.

Programmtext

F.C. Delius, geboren 1943 in Rom, aufgewachsen in einem kleinen hessischen Dorf und seit 1963 vornehmlich in Berlin lebend, hat erst spät damit begonnen, seine biographischen Erfahrungen auf eine direkte Weise literarisch zu verarbeiten. Bevor er 1994 die Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" veröffentlichte, hatte er bereits in den sechziger und frühen siebziger Jahren durch seine Art, politische und wirtschaftliche Sachverhalte dokumentarisch festzuhalten, große Aufmerksamkeit erregt. In seiner neuen Erzählung "Amerikahaus und der Tanz um die Frauen", aus der der Autor lesen wird, greift Delius auf seine Erfahrungen im Berlin der beginnenden Studentenrevolte 1966 zurück. Er schildert einen Tag im Leben des schüchternen Studenten Martin, der an der ersten Anti-Vietnam-Demonstration teilnimmt, doch der der Liebe zu den schönen Frauen längst schon hoffnungslos anheim gefallen ist. Hier ist Delius an dem wesentlichen Punkt, wo Politik und Zeitgeschichte, Gefühlskultur und private Erfahrung zwanglos amalgamiert werden. Der immer ruhig und sorgfältig erzählende Autor ist einer der wichtigsten Chronisten der Bonner Nachkriegsrepublik. Über sein neues Buch und über die Entwicklung des Schriftstellers Friedrich Christian Delius diskutieren mit ihm die Kritikerin Elke Schmitter und der Schriftstellerkollege Klaus Modick.

Personen auf dem Podium